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Der Präsident von der traurigen Gestalt

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Vor zwei Tagen schrieb da Einer auf Twitter, ihn beeindrucke die 'Chuzpe' [Link 1], auch weitere Tweeter schlossen sich dieser Meinung an [Link 2], mit der Wulff darauf bestehe, 'im Recht' zu sein. Nun hat das, was uns der Noch- Präsident da serviert, eher wenig mit Chuzpe zu tun. In diesem Begriff steckt immer auch ein Augenzwinkern der Bewunderung für die charmante Dreistigkeit, mit der der Protagonist vorgeht. Ein Beispiel für Chuzpe bietet diese Anekdote: Ein reicher Mann, der die Synagoge verlässt, wird von einem Bettler angesprochen: „Eine milde Gabe, Herr, eine milde Gabe.“ Der Reiche greift in die Tasche, gibt ihm eine Kopeke: „Da, Reb Nachum, hast Du eine Kopeke“. Der Bettler sieht auf die Kopeke (kleinste russische Münze) sieht dann schelmisch den Reichen an und sagt: „Was, nur eine Kopeke? Vorige Woche hast Du mir zwei gegeben.“ - „Nu, ich hatte eine schlechte Woche...“ „Wie? Erwidert der Bettler, „wenn DU eine schlechte Woche hast, soll ICH darunter leiden?“ Das ist Chuzpe, das hat in seiner Unverschämtheit noch Charme. (Wobei die Benennung des Bettlers als „Reb Nachum“ ebenso Chuzpe ist, denn der Rabbi Nachum ist ein hochangesehener Lehrer, auf den sich der Talmud [Link] immer wieder bezieht.)

Gerade diese charmante Dreistigkeit fehlt aber unserem Präsidenten ganz und gar, in der Affäre Wulff geht es um sehr unelegante und uncharmante Dreistigkeit. Seine Art, mit großem Pathos vor die Öffentlichkeit zu treten und immer nur genau das zuzugeben, was inzwischen unwiderlegbar ist, verursacht kein Augenzwinkern, sondern Übelkeit. Vor allem, weil er einerseits immer nur schon Gesagtes wiederholt und andererseits meist schon während der Rede neue Unappetitlichkeiten an die Öffentlichkeit gezerrt werden.

Diese Unappetitlichkeiten werden deshalb ans Licht gezerrt, weil er eben nicht reinen Tisch macht (was hätte er sich alles ersparen können, hätte er bei der Anhörung im niedersächsischen Landtag die Wahrheit gesagt), sondern weil er immer weiter trickst und täuscht. Inzwischen tendiert der Pegel seiner Glaubwürdigkeit gegen Null – und genau das ist das Problem.

Stattdessen verschanzt er sich hinter den Mauern von Schloss Bellevue, macht es zu seiner "Wulffschanze" (Zitat aus Twitter) und wirft mit kriegerischen Phrasen um sich. Diekmann zu sagen (ich glaube, das ist inzwischen unbestritten) der Rubikon sei überschritten [Link] und über die „Art der Kriegführung“ zu reden, ist eine Metapher die zu jenem Zeitpunkt völlig unangebracht war. Damals wäre alles noch relativ geräuschlos zu bereinigen gewesen. Wenn, ja wenn, Wulff nur ein ganz kleines bisschen Einsicht gezeigt hätte, daß er mit seinem Verschweigen wohl einen Fehler gemacht hat. Hätte er damals die Angelegenheit sofort bereinigt, indem er den Kredit zu angemessenen Konditionen umgeschuldet (und vielleicht ein wenig Zinsen nachgezahlt hätte), dann wäre daraus gar keine "Causa Wulff" entstanden. Alle hätten vielleicht ein wenig die Nase gerümpft, jedoch wäre die ganze Sache längst vergessen.

So jedoch, ähnelt er inzwischen jenem 'Ritter von der traurigen Gestalt' den Servantes so trefflich beschreibt. Indem er versuchte, die Berichterstattung über eine damals noch lässliche Sünde zu zensieren, stellte er sich selbst, als Wächter über die Verfassung, in Frage. Nicht nur das, er macht sich auch noch lächerlich, indem er immer wieder versucht, die kleine Sünde durch größere Sünden zu vertuschen. Auch hat er es nicht vermocht, in die Schuhe seiner Vorgänger zu schlüpfen. In seiner bisherigen Amtszeit reichte er an keinen seiner Vorgänger heran und jetzt ist es so, daß nicht jene, die Tag für Tag neue schmutzige Wäsche hervorholen, sein Amt beschädigen, sondern Wulff ist es, der mit seinen Tricks und Halbwahrheiten das Amt beschädigt.

Auch seine neueste Metapher, die Rede vom „Stahlgewitter“ [Link] ist wieder so ein Versuch, die Vorgänge aufzubauschen und auf eine Ebene zu heben, die ihnen nicht zukommt. Eher regnet es jetzt durch das Dach des Schloss Bellevue, weil er selbst Löcher hineingeschlagen hat. Man kann die Bildzeitung und ihre Redakteure verabscheuen, jedoch hier ist sie nun einmal selbst betroffen als Medium, dessen Berichterstattung Wulff - und zwar in seiner Eigenschaft als Bundespräsident - zensieren wollte, darum ist es legitim und richtig, daß sie sich verteidigt und nicht locker lässt.

Alles in allem ist diese ganze peinliche Affäre nichts weiter, als ein weiterer Missgriff Merkels, indem sie hier jemandem ein Amt anvertraute – denn Wulff war ausdrücklich ihr Wunschkandidat – dem er alles andere als gewachsen ist. Er ist in den anderthalb Jahren seiner Amtsführung nicht hineingewachsen und wird in Zukunft nicht hineinwachsen. Im Gegenteil, zu seinen Lasten geht die Diskussion, ob wir denn überhaupt noch einen Bundespräsidenten brauchen. Soll sich Deutschland einen so teuren 'Frühstücksdirektor' leisten, oder sollte man das Amt abschaffen? Merkel wollte einen "politischen Präsidenten" und bekam wohl den unpolitischsten, der sich denken lässt.

Durch das Versagen Wulffs wurde ein Amt ad absurdum geführt, dessen verfassungsgemäße Funktion unter anderem darin besteht, die Machtballung in einer Hand zu verhindern, die uns im vorigen Jahrhundert zweimal an den Rand des Abgrunds geführt hat. Die Verfassung soll eine starke und wehrhafte Demokratie garantieren, indem auf allen Ebenen Kontrollinstanzen eingezogen wurden. Die letzte Kontrollinstanz ist eben der Präsident, dessen Funktion, herausgehoben aus parteipolitischen Interessen es ist, Gesetze erst dann zu unterzeichnen, wenn er sie sie auf Verfassungskonformität geprüft hat. Leider war der Vorgänger Köhler zu dünnhäutig, um seine bis zum Rücktritt hervorragende Ausübung gerade dieser Funktion durchzuhalten. Und Wulff? Er repräsentiert, „nimmt Termine wahr“, von einer wirklichen Kontrolle der Regierungsarbeit war bisher nichts wahrzunehmen. Leider. So, verkommt das Amt, wie schon oben gesagt, zu einem verzichtbaren Kostenfaktor.

Das wiegt schwerer, als Wulffs Verfehlungen.