
Titelausschnitt
Zumindest setzen Psychologen und Rhetoriker dies als Axiom. Vieles spricht auch dafür, daß sie Recht haben, denn seien wir einmal ehrlich: wenn uns jemand schweigend gegenüber sitzt, entschlüsseln wir seine Haltung, Ausdruck der Augen, Hand- oder Körperbewegungen – wir interpretieren. Wir interpretieren das, was er nicht tut. Aus seiner schieren Anwesenheit entwickelt sich ein Film, der vor unserem inneren Auge abläuft. Ein Film, der möglicherweise nicht das Geringste mit dem zu tun hat, was der andere 'nicht' kommuniziert. Darauf hätte ich meine Verteidigung aufgebaut – ich hätte nachgewiesen, daß der Vorgang des Schweigens an sich kein Plagiat oder 'sampling' sein kann, weil das Schweigen deutbar ist, weil im Schweigen eine allgemeine Mitteilung liegt, deren Chiffre nur der lesen kann, der sie deutet. Darauf gründet sich, daß der Schweigende für sein Schweigen kein Urheberrecht beanspruchen kann, weil die „notwendige Schöpfungshöhe“ erst im Deutenden entsteht. Doch lassen wir diese Spitzfindigkeiten, es geht um das Buch „Incommunicado“ des österreichischen Autors Michel Reimon, welches dieser im Internet als frei verfügbaren PDF- Download anbietet.
Es gibt einige Redewendungen und Begriffe in diesem Text, die ausschließlich in Österreich „richtig“ sind. Und damit ist alles Negative über dieses Werk gesagt.
Ein furioser Text, der in einem atemberaubend 'schnellen' Stil geschrieben ist. Ein packender Text, der auch Jenen, die sich nicht mit Urheberrecht auskennen – und auch garnicht daran denken, daß dieses Urheberrecht etwas mit ihnen zu tun haben könnte, die Augen öffnen wird dafür, daß hier eine wirtschaftliche Oligarchie entsteht, die schlimmer wird, als Orwell es sich vorstellen konnte.
Wir erleben am Beispiel einer Band, was alles durch das geltende Urheberrecht möglich ist und möglich sein wird. Plötzlich werden durch die vielfältigen Verknüpfungen des Romangeschehens Dinge deutlich die jeden, der an individuelle Freiheit, an Kreativität, an künstlerisches Schaffen glaubt, in Angst und Schrecken versetzen müssen. Können wir es uns leisten, weiterzuleben, ohne das bestehende Urheberrecht grundlegend zu reformieren? Können wir alle, die davon betroffen sind überhaupt die Macht aufbringen, die jetzt schon bestehenden Machtstrukturen zu Fall zu bringen? Können wir Konzernen, die uns mit einem Fingerschnipp wirtschaftlich ruinieren können, die Stirn bieten?
Um all das zu können ist die Freisetzung von Kreativität notwendig, Kreativität baut aber immer auf den Leistungen anderer auf. Hätte Carl Benz nicht eine zündende Idee gehabt, aus der sich über eine Vielzahl von Zwischenstationen zum Beispiel das Hybridauto entwickelt hätte, würden wir heute noch mit seinem Motorwagen im zehn Kilometerprostunde- Tempo durch die Gegend stinken. Es gibt vielleicht einmal im Jahrhundert eine wirklich neue Idee, allein darauf Fortschritt und wirtschaftliche Entwicklung aufzubauen, wäre eine Sackgasse, in der Rückständigkeit und Armut Tür an Tür leben würden.
Wir leben heute in einer globalen Gesellschaft, in der Staaten nicht mehr allzuviel ausrichten können, gegen die schiere wirtschaftliche Macht Einzelner. Darum geht heute Politik jeden etwas an, wir können uns nicht mehr auf das: „die Regierung wird’s schon richten', vorglobaler Zeiten zurückziehen. Wir alle sind verantwortlich für das, was mit der Welt, mit unserer Welt, geschieht.
Darüber klärt dieser Roman auf. Er zeigt, was geschieht und was geschehen kann, wenn man nicht mitwirken will an der gesellschaftlichen Verantwortung für die Welt in der wir und unsere Kinder leben wollen. Heute obliegt uns die Gestaltung der Welt von morgen. Nach dem Krieg hat man der älteren Generation vorgeworfen, „warum habt ihr geschwiegen, warum habt ihr mitgemacht?“ Das ist jedoch eine Frage, die immer von den Kindern an die Eltern gerichtet wird und gerichtet werden muss. Eltern tragen immer die Verantwortung für die folgende Generation.
In einer globalen und digitalen Gesellschaft wie der gegenwärtigen, macht sich jeder schuldig der seine Chancen, sich in den demokratischen Prozess einzubringen, nicht nutzt. Die Digitalisierung von Kommunikation und Publikation hat zu einem ungeheuren Schub in der Demokratisierung der Welt geführt, der etablierten Politikern Angst macht, weil sie nicht mehr allein bestimmen, was vorgeht. Sowohl die Deutungshoheit, als auch die Entscheidungsmacht der Politik wurde durch das Internet und seine Möglichkeiten beschnitten. Endlich findet der Begriff der Polis, des Gemeinwesens, seine Bestimmung: es sind nicht mehr die Senatoren, die über Wohl und Wehe der Menschen entscheiden, sondern die Menschen wählen sie sich zu Dienern, zu Ministern. Das Buch ist ein Aufruf an alle, die Chancen freier Kommunikation zu nutzen, um die Gesellschaft insgesamt weiter zu bringen. Am Beispiel der relativ kleinen Gruppe von Romanfiguren werden die Zusammenhänge 'großer' Politik deutlich, es wird deutlich, wo wir Ansatzpunkte finden können, um mitzugestalten – wir, jeder Einzelne.
Michel Reimon; #incommunicado, [Download PDF], Blog des Autors: [Link]
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