Titelausschnitt
Zumindest setzen Psychologen und Rhetoriker dies als Axiom. Vieles spricht auch dafür, daß sie Recht haben, denn seien wir einmal ehrlich: wenn uns jemand schweigend gegenüber sitzt, entschlüsseln wir seine Haltung, Ausdruck der Augen, Hand- oder Körperbewegungen – wir interpretieren. Wir interpretieren das, was er nicht tut. Aus seiner schieren Anwesenheit entwickelt sich ein Film, der vor unserem inneren Auge abläuft. Ein Film, der möglicherweise nicht das Geringste mit dem zu tun hat, was der andere 'nicht' kommuniziert. Darauf hätte ich meine Verteidigung aufgebaut – ich hätte nachgewiesen, daß der Vorgang des Schweigens an sich kein Plagiat oder 'sampling' sein kann, weil das Schweigen deutbar ist, weil im Schweigen eine allgemeine Mitteilung liegt, deren Chiffre nur der lesen kann, der sie deutet. Darauf gründet sich, daß der Schweigende für sein Schweigen kein Urheberrecht beanspruchen kann, weil die „notwendige Schöpfungshöhe“ erst im Deutenden entsteht. Doch lassen wir diese Spitzfindigkeiten, es geht um das Buch „Incommunicado“ des österreichischen Autors Michel Reimon, welches dieser im Internet als frei verfügbaren PDF- Download anbietet.